Priorat – Von Mönchen und Münchnern

Es gibt Weinlandschaften, die einzigartig sind. Das Priorat mit seinen schroffen Bergkämmen, den Schieferböden und alten Reben in Steilhängen gehört zu diesen unvergleichlichen, geradezu magischen Gebieten.

In seinen Bann zog das Priorat auch Dominik Huber. Der gebürtige Münchner kam in den 1990ern, erfüllt vom mediterranen Lebensgefühl, nach Katalonien. Bei einem Praktikum im mittlerweile legendären Weingut Mas Martinet lernte er den südafrikanischen Winzer Eben Sadie kennen. Die beiden freundeten sich an und gründeten Terroir al Limit. Genau zwanzig Jahre ist das her. Ihr erster Jahrgang umfasste gerade einmal 300 Flaschen des Weins Dits del Terra.

© Terroir al Limit

Inzwischen liegt die Produktion bei jährlich 75.000 Flaschen. Wirklich viel ist das immer noch nicht. Im Priorat gehe es ja auch nicht um Masse, vielmehr komme es auf eine hohe Qualität an, erwidert Dominik Huber, während wir in seiner Kellerei in der Ortschaft Torroja einige Flaschen verkosten. Schlichtweg fesselnd sind die kühle Eleganz eines Arbossar, die pure Mineralität von Les Tosses und die zarte Sinnlichkeit von Les Manyes, ein Parzellenwein, den Parker-Kritiker Luis Gutierrez mit 100 Punkten (Jg. 2016) adelte.

„Ich war stets skeptisch gegenüber dem klassischen Priorat-Stil, weil er nicht zur Küche passt.“ (Dominik Huber)

Dominik Huber hat nie Önologie studiert, sondern nach dem Motto learning by doing agiert. Bevor er im Priorat für Furore sorgte, betrieb er sieben Jahre die Münchner Suppenküche. Er sei ein Foodfreak, sagt Huber von sich, und gebe viel Geld in Restaurants aus. Das Essen sei in den letzten zwanzig Jahren leichter geworden, bemerkt er. So verwendeten die Köche mehr Gemüse und Fisch und weniger Fleisch. Die Buttersauce sei ebenfalls out.

Dominik Huber hat vor 20 Jahren Terroir al Limit aus der Taufe gehoben. © Thomas Götz

Die Weine des Priorat haben sich aus Hubers Sicht hingegen kaum verändert: „Das sind oftmals noch die selben Bretter wie früher – überreif, zu stark extrahiert und zu holzig.“ Mit Kellermeisterin Tatjana Peceric strebt er einen frischeren und schlankeren Weinstil an, der zur zeitgemäßen Küche passt. Sie arbeiten biodynamisch im Weinberg und ernten die Trauben früher als die Kollegen im Gebiet. Im Keller vergären sie die ganzen Trauben mit Stielen und pressen bereits nach sieben Tagen. Einen Holzkontakt lehnt Huber bei seinen Rotweinen inzwischen völlig ab, weil er findet, dass es den Geschmack des Weins zu stark beeinflusst. Ergo hat er alle Fässer aussortiert – bei der Weinbereitung kommen einzig Betontanks zum Einsatz. „Zement ist neutraler und bringt Terroir konkreter zum Ausdruck“, zeigt sich Dominik Huber überzeugt wie kompromisslos. Das Ergebnis spricht jedenfalls für sich: Terroir al Limit stehen für ungeschminkte Weine von großer Klarheit und Reintönigkeit.

„Ich weiß, dass es nicht trendy ist, neues französisches Holz zu verwenden.“ (Valenti Llagostera)

Ortswechsel: Mit Valenti Llagostera vom Weingut Mas Doix begehe ich einen 1902 gepflanzten Weinberg, dessen Cariñena-Reben auf purem Schiefer wachsen. Bis zu 18 Meter tief dringt ihr Wurzelwerk durch die Ritzen des brüchigen Gesteins auf der Suche nach Feuchtigkeit und Nährstoffen. Im Schnitt magere 300 Gramm Trauben produzieren diese 119 Jahre alten Buschreben, weiß der Winzer zu berichten. Tatsächlich hängen ein paar Wochen vor der Lese nur wenige Büschel an den knorrigen Stöcken. Zu den minimalen Erträgen kommt ein hoher Arbeitsaufwand: Die schwer zugängliche Steillage wird beispielsweise mit Pferden gepflügt.

Valenti Llagostera. © Thomas Götz

Der Wein aus dieser Lage heißt 1902 Carignan Tossal d’en Bou. Neben L’Ermita von Alvaro Palacios und Mas de la Rosa von Vall Llach ist es das einzige Gewächs mit Grand-Cru-Status in der Appellation DOQ Priorat. „Dieser Wein erdet. Die Nase ist purer Stein“, kommentiert Llagostera, als wir später im schicken Weingut mit Blick auf die Montsantberge den supertiefen 2017er-Jahrgang degustieren.

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Mas Doix scheuen sich nicht vor dem Ausbau in neuen französischen Barriques. „Die Trauben aus den alten Reben sind derart konzentriert, dass sie dem Holz standhalten können“, erklärt Valenti Llagostera. „Wir erhalten mehr Struktur und Reifepotenzial.“ Zum Beweis öffnet er eine Flasche des Flaggschiffweins Doix Costers de Vinyes Velles, Jahrgang 2002. Costers ist das katalanische Wort für Steilhang, Vinyes Velles für alte Weinberge. Die Cuvée, etwa zur Hälfte aus Cariñena und Garnacha, zeigt eine wundervoll entwickelte Nase von reifen Früchten und Kräutern. Der Wein ist tiptop frisch, hat viel Spannung und dürfte auch noch in zehn Jahren ein Genuss sein.

© Thomas Götz

Gleichwohl weht durch den Keller von Mas Doix ein Hauch von Veränderung: So sind bereits einige größere Holzfuder und Betontanks zu sehen. Zudem erzeugt das Weingut seit 2018 interessante Weißweine aus Garnacha Blanca, Macabeo und Pedro Ximénez. Letztere PX-Traube kam übrigens im 19. Jahrhundert mit andalusischen Arbeitern, die in Minen im südlichen Katalonien schufteten, ins Priorat.

„Ursprünglich haben die Mönche die Garnacha auf lehmigen Böden angebaut“ (Paul Kendall)

Nochmals früher kamen Kartäusermönche aus der Provence. Sie siedelten sich im 12. Jahrhundert in der isolierten Bergregion an und gründeten das „Priorat von Escaladei“. Am Fuße des Montsantgebirges errichteten sie ihr Kloster, und ebenfalls begannen sie Weinberge anzulegen.

In einem Buch von 1629 gehen die Mönche präzise auf ihre Lagen und Rebsorten ein. Für Garnacha und Monastrell empfiehlt der Autor die kühleren, lehmigen Böden an den Hängen der Montsantberge, auf denen die Trauben langsamer und gleichmäßiger reifen. Viele dieser Weinlagen werden heute vom Weingut Scala Dei bestellt, dessen Keller sich außerdem in den ehrwürdigen Gebäuden des einstigen Klosters befinden.

„Der Dreiklang unseres Terroirs lautet Hochlage, Garnacha und Lehm“, erklärt Paul Kendall. Der gelernte Sommelier und Önologe ist in Hauptfunktion für Besuche zuständig und so etwas wie ein wandelndes Lexikon. Von ihm erfahre ich, dass das Kloster im Jahr 1835 von der spanischen Krone, die an Geldknappheit litt, enteignet wurde. 1842 kauften vier katalanische Familien das Anwesen und begannen separat Weine zu keltern. 1973 schlossen sich drei der Familien zu Scala Dei zusammen. Im Jahr darauf füllten sie erstmals einen Wein in Flaschen ab – ein Novum für das Gebiet, doch einschlägigen Erfolg hatten sie damit nicht.

© Cellers de Scala Dei

Berühmt wurde das Priorat nämlich erst Anfang der 1990er durch eine Gruppe von Winzern um Rene Barbier und Alvaro Palacios. Sie pflanzten französische Reben wie Cabernet Sauvignon und Syrah, die sie mit Garnacha als Hauptsorte verschnitten. Ferner entrappten sie die Trauben, vergärten in Stahltanks und reiften ihre Weine in neuen französischen Barriques. Scala Dei imitierte diese populäre wie erfolgreiche Methode und „dabei verloren wir unsere Identität“, resümiert Paul Kendall.

Als 2007 der angesehene Önologe Ricard Rofes das Ruder übernahm, gab er das Motto „Zurück in die Zukunft“ aus. Scala Dei wandten sich ihrer ursprünglichen Weinbereitung der 70er-Jahre zu. Die Trauben vergären sie seither wieder mit den Rappen und in Betontanks. Ebenso erfolgt der Ausbau der Weine in größeren, älteren Holzfässern und in Beton. Aus ihren hoch gelegenen Weinbergen, teils bis 800 Meter, erhalten sie Lesegut mit einem Tick Extrafrische, das in hochfeinen und individuellen Weinen wie Sant Antoni und Masdeu resultiert. Die Erben der Mönche und ein Münchner zeigen: Das Priorat ist in Bewegung und hat viele Facetten und Stile zu bieten.

© Cellers de Scala Dei

Priorat: Ausgewählte Weine

Terroir al Limit – 2017 Pedra de Guix

Einzig seinen Weißwein Pedra de Guix baut Dominik Huber noch im Holzfuder aus. Die Cuvée aus Garnacha Blanca, Macabeo und PX hat einen oxidativen Touch und erinnert an Weine aus Jerez. Ebenso ungewöhnlich wie spannend.

Preis: Um 60 Euro

Bezug: www.gute-weine.de

Terroir al Limit – 2019 Arbossar

Für ein mediterranes Gebiet wie Priorat ist dies ein erstaunlich kühl anmutender Wein. Und für die einst als rustikal geltende Cariñena-Traube ein beeindruckend elegantes Gewächs, so klar wie ein Gebirgsquell. Aus einer Einzellage mit alten Reben, ein Nordhang mit Schiefer- und Granitböden.

Preis: Um 60 Euro
Bezug: www.gute-weine.de

Mas Doix – 2017 Salanques

Blend aus Garnacha, Cariñena und ein wenig Syrah. Purer Schieferboden. Dieser Rotwein ist kraftvoll, ohne schwer zu sein, konzentriert und zugleich frisch. Er hat feine Tannine, eine samtige Textur und hervorragende Balance. Holz (14 Monate Barrique) und Alkohol (15%) sind sehr gut eingebunden. Klassisches Priorat at its best.

Preis: Um 35 Euro

Bezug: www.vinopolis.de

Mas Doix – 2020 Murmuri

Ein Weißwein zu 95 Prozent aus Garnacha Blanca. Die Weinberge liegen in nördlicher Ausrichtung nahe der Ortschaft Poboleda, die im Vergleich zu anderen Dörfern im Priorat über ein kühleres Mikroklima verfügt. Entsprechend frisch und straff kommt Murmuri daher; dazu mit feiner Frucht- und Kräuteraromatik.

Preis: Um 22 Euro

Bezug: www.vinopolis.de

Scala Dei – 2016 Masdeu

Ein Lagenwein, der die Garnacha von ihrer filigranen und floralen Seite zeigt. Er hat eine großartige Frische und Reinheit, ist superb strukturiert, ohne von Tannin dominiert zu sein. Im Stil eher Burgund als Priorat. Der Weinberg liegt auf 690 bis 800 Metern Höhe in den Montsantbergen und besteht – ebenfalls untypisch fürs Priorat – aus Lehm- und Kalksteinböden.

Preis: Um 85 Euro

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